Mikroaggression am Arbeitsplatz erkennen

3 Anzeichen von Mikro­aggressionen am Arbeits­platz und wie Sie Ihr IT-Team schützen

Zwei Tech-Mitarbeitende in einem schwierigen Gespräch

Sie passieren ganz nebenbei, die kleinen Aggressionen während der Arbeit. Hier eine augen­scheinlich freundliche Frage im Meeting. Dort ein eigentlich nett gemeinter Hinweis in der Kaffee­küche. Am Gespräch beteiligten Personen fällt in vielen Fällen über­haupt nichts auf. Betroffene jedoch spüren die Verletzung wie einen Nadel­stich. Erfahren Sie, wie Sie die schädlichen subtilen Herab­setzungen erkennen und was Sie dagegen tun können.

Was sind Mikro­aggressionen?

Mikroaggressionen sind alltägliche Kommentare, Fragen, Handlungen, die offen oder unter­schwellig margina­lisierte Gruppen diskriminieren. Geprägt wurde der Begriff durch den US-amerikanischen Psychiater Chester Pierce, der damit das Verhalten seiner weißen Studenten gegenüber ihrem schwarzen Professor beschrieb. Er gab damit einem verbreiteten Phänomen einen Namen, das gerade in Arbeits­teams sehr häufig unbemerkt bleibt. Mikroaggressionen ...

  • sind unauffällig in die alltäglichen Abläufe und Kommuni­kationen verwoben,

  • können absichtlich oder unabsichtlich geschehen,

  • treten im Business-Umfeld in allen Hierarchie­ebenen auf und zersetzen ein inklusives Betriebs­klima schleichend,

  • werden in der Regel so genannt, sobald die betroffene Person sie als solche einschätzt. Ausschlag­gebend ist der Schmerz des Empfängers, nicht die Intention des Absenders.

Wer ist von Mikro­aggressionen am Arbeits­platz betroffen?

Auch wenn Minder­heiten häufiger von Mikro­aggressionen betroffen sind, kann es jeden treffen: Männer, Frauen, Personen aus der LGBTQIA+ Community. Menschen jeder Haut­farbe und jedes Alters. Personen mit Behinderung ebenso wie religiöse Menschen oder solche mit bestimmten Hobbies.

In Unternehmen richten sich die herab­setzenden verbalen Äußerungen und Taten häufig gegen Menschen, die nicht der normativen Mehrheit der Mitarbei­tenden entsprechen. Sprechen wir dezidiert von IT-Teams, geraten vor allem Frauen in den Fokus. Gerade die IT-Branche ist immer noch stark männlich geprägt. Aber auch Kommentare über Stereotype sind gang und gäbe.

Beispiele für Mikro­aggressionen im IT-Team


  • Vorschläge und Meinungen von Frauen werden nicht ernst genommen.

  • Einem Mitarbeiter mit indisch klingendem Namen wird besondere Programmier­kunst unterstellt, weil „ja alle Inder Software-Entwickler sind“.

  • „Dieses Cloud-Projekt über­lassen wir lieber den jungen Kollegen“ – Ansage an ältere Mitarbeitende, die deren Kompetenz auf dem Gebiet infrage stellt.

  • Eine Frau tritt beim Sprint-Meeting für ihre Meinung ein und bekommt zu hören: „Jetzt sei doch nicht gleich so emotional!“ oder „Hast du deine Tage?“

  • Einem Mitarbeiter mit dunkler Hautfarbe wird gesagt: „Du sprichst aber gut Deutsch!“

Wie aggressiv sind Mikro­aggressionen wirklich?

Das Konzept Mikro­aggression hat auch seine Kritiker. Häufig bringen diese vor, dass die Deutungs­hoheit allein bei der betroffenen Person liege, was wissen­schaftlich unhaltbar sei. Außerdem stecke hinter Mikro­aggressionen nur selten Aggression. Vielmehr seien die verletzenden Äußerungen auf kulturelle Unterschiede und Unwissen zurück­zu­führen.

Dazu führte die klinische Psychologin Monnica Williams von der Ottawa University 2021 eine Studie durch. Sie fand heraus, dass durchaus Einigkeit unter Menschen verschiedener Ethnien herrscht, welche Aussagen rassistisch sind und damit herab­setzend wirken.

Wir wissen also eigentlich, was inklusiv und was diskriminierend ist. Doch nicht immer haben wir das im Arbeits­alltag parat. Behalten Sie bei allen Maßnahmen im Kopf, dass die mikro­aggressiven Personen sich möglicher­weise nicht in vollem Umfang bewusst sind, wie ihre Aussagen und Handlungen ankommen.

Was sind die Folgen von Mikro­aggression am Arbeitsplatz?

Betroffene beschreiben Mikro­aggressionen wie ein dauer­haftes Piksen mit einer spitzen Nadel. Ein einzelner Piks wäre zu verkraften. Doch in der Summe führen sie zu einer schmerz­haften Wunde, die nie völlig verheilt. Das Bild zeigt schon: In Bezug auf ihre Folgen sind Mikroaggressionen nicht so marginal wie der Begriff nahelegt.

Was für den einen ein kleines unbedeutendes Fehl­verhalten ist, das er sofort wieder vergisst, kann der betroffenen Person schwer schaden. Mikro­aggression am Arbeits­platz wirkt sich negativ auf einzelne Mitarbeitende, die kollegiale Gemein­schaft des Teams und auf das Unter­nehmen selbst aus.

  • Psychische und körperliche Folgen: Das psychische Wohl­befinden leidet massive unter Mikro­aggressionen. Das reicht von leichten Verstimmungen bis hin zu schwerer Depression mit Suizid. Es treten auch Ängste und Schlaf­störungen auf. Psycho­somatische Beschwerden kommen hinzu.

  • Die allgemeine Employee Experience und das Betriebs­klima verschlechtern sich. Das kann sich für alle Angestellten negativ auf die Mitarbeiter­bindung sowie die Karriere auswirken und bis zur Kündigung führen.

  • Vermehrte Fehltage, leistungsreduzierte Mitarbeitende und sozialer Unfrieden stehen nicht selten dem Erfolg des Unter­nehmens beziehungs­weise des Teams entgegen.

Fazit: Mikroaggression am Arbeitsplatz mag marginal wirken, sollte aber ernst genommen werden, denn sie richtet Schaden an, zeigt im Kern Respekt­losigkeit und spiegelt Ungleichheit wider.

3 Zeichen, an denen Sie Mikro­aggression im Arbeits­alltag erkennen

Das Phänomen der Mikro­aggression einzugrenzen und von einer harmlosen Anmerkung zu unter­scheiden, ist für Führungs­kräfte nicht einfach. Halten Sie in Ihrem IT-Team nach den folgenden drei Zeichen Ausschau.

1. Thema: Der Inhalt der Äußerung zielt auf eine Minderheit ab

Werden Sie hellhörig, wenn Bemerkungen Ethnizität, Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter und ähnliches zum Thema haben. Das könnte auf Mikro­aggression am Arbeits­platz hinweisen. Deren Inhalte sind nämlich häufig Stereotype, die mit einer Minderheit in Verbindung gebracht werden.

2. Umstände: Die Aussage fällt wie nebenbei

Einen aggressiven Menschen erkennen schon kleine Kinder an Mimik, Stimme und Gestik. Bei Mikro­aggressionen hilft dieses Muster wenig. Selbst wenn sie mit Absicht ausgeteilt werden, verstecken sich Mikro­aggressionen hinter einem neutralen oder freundlichen Habitus.

Aber immer fällt die Diskriminierung in einem diskreten Kommentar oder völlig unerwartet mitten in einem professionellen Gespräch. Sie ist kein direkter Angriff, sondern tarnt sich gewisser Weise als unbedeutende Bemerkung.

3. Reaktion: Betroffene rechtfertigen sich

Mikroaggressionen können Sie auch auf die Spur kommen, indem Sie Ihre Mitarbeitenden beobachten. Erklärt sich eine Person sehr häufig oder versucht, Dinge richtig zu stellen? Oder zieht sich ein Teammitglied zunehmend zurück und reagiert kaum noch auf Impulse von außen? In beiden Fällen könnte Mikro­aggression am Arbeitsplatz vorliegen.

Wie reagieren Sie auf Mikro­aggressionen in Ihrem IT-Team?

Als Führungskraft sind Sie in der geeigneten Position, Mikro­aggressionen im Team einzudämmen oder vorzubeugen. Immer eine gute Idee: Führen Sie präventiv Arbeitsplatz-Policies für den Umgang mit Mikro­aggressionen und Diskriminierung ein. Das bildet eine exzellente Grundlage für alle weiteren Schritte und Gespräche. Sie können auch mit Workshops und Gesprächs­runden zur Weiter­bildung des Teams beitragen.

Im Alltag können Sie sich im Kampf gegen Mikro­aggression in zwei Situationen wiederfinden:

  1. Sie oder ein Teammitglied beobachten eine (vermeintliche) Mikroaggression.

  2. Ein betroffenes Teammitglied kommt auf Sie zu, weil es Rat und Unterstützung sucht.

Behalten Sie in beiden Fällen einen kühlen Kopf! So gehen Sie am besten vor, wenn Sie Ihr IT-Team vor Mikro­aggression am Arbeitsplatz schützen wollen:

Sie bemerken eine Mikroaggression, sind sich aber nicht ganz sicher


  • Sprechen Sie zunächst auf feinfühlige Weise mit der Person, die Ihrer Meinung nach mit einer Mikro­aggression verletzt wurde. Sieht sie das Problem auch?

  • Wenn nicht: falscher Alarm. Jedoch ist es gut, dass Sie das Thema angesprochen haben. Damit zeigen Sie, dass Sie für das Thema sensibilisiert sind – ein positives Signal für das ganze Team.

  • Wenn ja: gehen Sie vor wie unten beschrieben.

Betroffene Mitarbeitende wenden sich wegen Mikro­aggression an Sie 


  • Signalisieren Sie Verständnis und hören Sie zu. Versuchen Sie das Ausmaß des Vorfalls oder der Vorfälle zu erfassen. Wer ist darin verwickelt?

  • Fragen Sie die betroffene Person, was sie sich wünscht und halten Sie sich daran. Eine erzwungene Konfron­tation ist selten hilfreich. Faustregel: Man muss nicht auf jede Mikro­aggression reagieren.

  • Sprechen Sie in einem ruhigen Moment mit den beteiligten Kollegen. Vermeiden Sie Anklagen, denn diese führen zu Abblocken und nicht selten zu einer vehementen Verteidigung.

  • Alternativ setzen Sie eine allgemeine Diskussions­runde oder einen Workshop zum Thema Inklusion und Gleich­berechtigung an, ohne den konkreten Vorfall zu erwähnen.